Mal ehrlich: Wer von euch raucht gerne mal einen? Und wer war beim Global Marijuana March in Tübingen? Dort ging es darum, im Kampf um die Legalisierung von Gras, ein Zeichen zu setzen.

Es ist ein typischer Samstagmittag in Tübingens Altstadt: mittelalte Menschen in verschwitzten Radleroutfits nehmen gesundheitsbewusst ihr isotonisches Weizenbier ein. Während die Sonne aufs Kopfsteinpflaster knallt, zerren Mütter, im Blitzlichtgewitter asiatischer Touristen, ihre schokoladeneisverschmierten Kinder vom Wochenmarkt zum Bioladen (Heute gibt es Vollkornpfannkuchen mit überbackenem Fenchel).

Inmitten dieses Dioramas deutscher Kultur will Carin, 38, Recyclingschmuck-Designerin, ihrem Noah gerade genanntes Schokoladeneis von seinem „Petit Bateau“-Matrosenhemd wischen, als ihr ein älterer Herr in buntem Wickelrock mit den Worten: „Ich gieße, was ich will!“ einen Zettel in die Hand drückt. Etwas verdattert vom offen getragenen Brusthaar ihres Gegenübers gelingt es Carin (mit C!) dennoch zu fragen worum es eigentlich geht. „Legalisierung von Cannabis!“, gibt der Wickelrockträger im Davontanzen zurück.

Legalize It!

Solche Szenen spielten sich beim Tübinger Ableger des „Global Marijuana March 2016“ ab. Organisiert wurde diese offiziell angemeldete Demo, als eine Art Joint Venture, von der Tübinger Hanfbewegung, unter anderem bestehend aus dem sozialistisch-demokratischen Studierendenverband [’solid].SDS und Einzelpersonen, sowie in Zusammenarbeit mit dem deutschen Hanfverband DHV. Die Nachteile des Cannabis-Verbots aus deren Sicht: ein illegaler Schwarzmarkt, der Kriminalität noch weiter finanziert, die daraus resultierende Überlastung von Polizei und Justiz und die Gefährdung von Konsumenten durch fehlende Kontrolle der Ware.

Um sich dagegen stark zu machen, versammelten sich mehrere Dutzend Cannabis-Befürworter auf dem Marktplatz, umgeben von fast genauso vielen Schaulustigen. Da ist selbst das grüne Tübingen noch konservativ genug, dass graugelockte Herren in Silber-Metallic-Hosen und rosafarbenem Blümchenhemd kurios wirken. Und von dieser Sorte Alt-68er waren einige anwesend. Das andere Extrem: linke Jungpolitiker und Aktivisten mit Sea-Sheperd-Shirt.

Die Kulisse auf dem Marktplatz.
Die Kulisse auf dem Marktplatz.

Illegalize It?

Schwach vertreten hingegen der grasrauchende Mainstream. Die EDM-Festivalbesucher, Turnbeutelträger, Sneakerheads – kurz: Die größte Fraktion von Cannabis-Konsumenten. Aber hey, vielleicht war das eine bewusste Entscheidung, sich nicht für die Legalisierung einzusetzen. Denn wenn der Stoff erst mal legal ist, wo ist dann der Kick? Holt man sich dann einfach beim Apotheker seine Dosis Sativa Forte ab? Keine zwielichtigen Übergaben im Bota mehr? Wann soll man denn dann noch ironische Haftbefehl- oder 187-Zitate anbringen, die man natürlich nur auf der Metaebene, aber da richtig, lustig findet. Das Verruchte, Verbotene, der ganze Ziploc-Charme gingen verloren und würden ersetzt von langweiliger Bürokratie, Ratiopharm-Schachteln und amtlichen Kontrollen.

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Pizza ist doch noch legal, oder?

Gib dem Kunden Zucker. Oder Haarspray.

Das bringt uns zurück zum Ernst der Sache: Maßnahmen zur Qualitätssicherung wären eigentlich längst notwendig. In den letzten Jahren wird Cannabis laut DHV oft mit Sand, Haarspray oder verschiedenen Flüssigkeiten, z.B. Zuckerlösungen oder Flüssigkunststoff, gestreckt. Ein Geschmackstest kann Streckmittel entlarven: Wenn es beim Ablutschen knirscht oder komisch schmeckt, stimmt was nicht. Das gilt auch für Marihuana. Ist eine Blüte „besonders weißlich/kristallig“, wurde sie wahrscheinlich ebenfalls behandelt. Also aufgepasst! Es ist nicht alles Haze, was glänzt.

Anmerkung: Wer dazu mehr lesen will, kann das auf der Website des DHV tun. Dort finden sich außerdem noch weitere Informationen zu Legalisierung, medizinischer Verwendung etc.

Fotos: Beate Münzenmaier

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank für den unterhaltsamen Artikel.
    Ein paar Korrekturen hätte ich aber anzumerken:
    Die Demo wurde ausgerichtet von der Tübinger Hanfbewegung (https://www.facebook.com/HanfTuebingen/), zu der auch [’solid].SDS Tübingen dazugehört. Quasi ein Bündnis aus Einzelpersonen und einer Organisation. Die Tübinger Hanfbewegung arbeitet mit dem Deutschen Hanfverband (DHV) zusammen.
    [’solid].SDS Tübingen ist wiederum ein Tübinger „Joint Venture“ von der Linksjugend [’solid] und dem Studierendenverband Die Linke.SDS, also ein Zusammenschluss aus der Linkspartei-nahen Jugendorganisation mit dem Linkspartei-nahen Studierendenverband.

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