Eine Riesenportion politischer Spirit

Warum eine Doku anschauen, bei der es um die Bürgermeisterin von Barcelona geht? Was hat das mit uns zu tun? Ziemlich viel, wie sich am Montag herausstellte: Der Film „Alcaldessa“ von Pau Faus, wurde im Rahmen des CineLatino gezeigt, das heute zu Ende geht.

Spanien, im Februar 2009: Die Immobilienblase ist längst geplatzt, Wohnraum wird immer wertloser; wer eine Hypothek aufgenommen hat, kann sie in vielen Fällen nicht mehr bedienen. Zwangsräumungen vertreiben Menschen aus ihren Wohnungen. Die Bürgerinitiative PAH (Plataforma de Afectados por la Hipoteca) wird gegründet und hilft den Opfern mit Rat und Tat, teilweise mit Hausbesetzungen. Mit diesen dramatischen Szenen reißt Pau Faus das Publikum gleich zu Beginn seines Films mit; es steht fest: hier geht es zur Sache. Die zentrale Person: Ada Colau, linke Aktivistin und Sprecherin der PAH. Heute Bürgermeisterin von Barcelona. Wie das?

Bürgermeisterin Ada Colau. Foto: Ricardo Patiño

Mehr als Zwangsräumungen verhindern

Die Menschen sind es leid, ignoriert zu werden“, stellt Ada Colau fest und gründet mit anderen Gruppen und Initiativen die Bürgerplattform „Barcelona en Comú“. Diese möchte mehr erreichen als Zwangsräumungen verhindern: Sie stellt eine Kandidatur für die Kommunalwahlen auf, statt mafiösen Eliten sollen die Bürger über wichtige Themen bestimmen, die Kommunalpolitik soll sich von Grund auf ändern. Von einer demokratischen Revolution ist die Rede, sie wollen „die Leute für Barcelona zurückgewinnen“.

Hautnah an hemmungslosen Diskussionen

Das passiert neun Monate vor den Wahlen. Es folgen unzählige Gesprächsrunden und Zusammensitzen mit Laptops, eher informell als institutionell erscheinend, während des gesamten Films mal im Büro, mal bei jemandem Zuhause, selbst eine Woche vor den Wahlen noch in der Küche eines normalen Restaurants. Alles wird von Grund auf kreativ gemeinsam gestaltet: der Aktionsplan, das Motto, der Wahlkampf. Weil Pau Faus die ganze Zeit dabei war, bekommt man alles hautnah mit und dabei den Eindruck: Das sind Freunde, die wollen etwas zusammen bewegen, und Ada ist ihre charismatische Anführerin. Auch über diese Anführerrolle und den Personenkult dahinter wird diskutiert, wie über so ziemlich alles, offen, ohne Hemmungen und produktiv.

Leidenschaft und Stärke

Anführerin und öffentliche Person hin- oder her, Regisseur Pau Faus zeigt Ada Colau mithilfe eines Videotagebuchs als starke, authentische, einfühlsame und weibliche Persönlichkeit. Als jemanden, mit der man ohne weiteres quatschen könnte, wenn man sie auf der Straße trifft, die zum Stressabbau auch schon mal buddhistische Mantras probiert, und in Fernsehshows leidenschaftlich und überzeugend über Arbeitslosigkeit und politische Partizipation debattieren kann. So gewinnt sie die Herzen der Menschen. Und dieser Spirit, man kann es kaum anders ausdrücken, sprüht Pau Faus Doku aus der Leinwand, sodass man mitklatschen möchte.

Es ist wichtig zu sehen, dass es funktioniert“

Regisseur Pau Faus war hautnah dabei, als aus einer Aktivistin die neue Bürgermeisterin Barcelonas wurde.

Nicht nur der historische und persönliche Erfolg einer Frau, die von einer Aktivistin zur ersten Bürgermeisterin Barcelonas wird und politische Strukturen aufzubrechen vermag, ist inspirierend. Was Pau Faus vor allem zeigen möchte: Wie eine Gruppe Bürger ohne Geld, Macht und Beziehungen, angetrieben von ihrem politischen Willen, sich organisiert und konkrete Erfolge erzielt: „Es ist wichtig zu sehen, dass es funktioniert“. Barcelona sei ein Beispiel, wie auch wir Studierende politische Erfolge erzielen können, wenn wir konkrete Dinge anstreben. Der Regisseur erklärt es so: „Der Ausspruch „Kein Mensch ist illegal“ ist richtig und wichtig, aber steht für ein unerreichbar erscheinendes Ziel. Kleine Erfolge auf lokalem Level hingegen sind erreichbare Ziele.“ Ein Grund, vielleicht zur nächsten StuRa-Wahl zu gehen?!

 Fotos: Marko Knab, Ricardo Patiño

Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=SUc1tUEyzLg

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