Die Eschenburg Vorlesung ist zurück. Mit Eckart Conze sprach am Mittwochabend in diesem Kontext einer der renommiertesten Zeithistoriker Deutschlands im Audimax der Uni Tübingen. Doch auch dieser Vortrag blieb nicht vom Einfluss der Debatte um den Theodor Eschenburg Preis verschont.

Letztes Jahr sagte der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck seinen Vortrag anlässlich der Tübinger Eschenburg-Vorlesung ab. Er begründete dies damit, dass sein Vortrag „als eine Parteinahme zugunsten einer Beibehaltung des von der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) verliehenen und derzeit umstrittenen Eschenburg-Preises gewertet werden könnte“. Seit  Oktober diesen Jahres ist es offiziell: Der Eschenburg-Preis  wird ab sofort nicht mehr verliehen.

„Die heutige Veranstaltung ehrt den Gründer unseres Instituts – nicht mehr, und nicht weniger.“

Die Eschenburg-Vorlesung, die vom Tübinger Institut für Politikwissenschaften organisiert wird, konnte also dieses Jahr fortgesetzt werden. Das diesjährige Thema war, wie passend: „Lange Schatten? Politische Institutionen und ihre Vergangenheit.Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Josef Schmid, begrüßte den Gastredner und das Publikum mit den Worten: „Die heutige Veranstaltung ehrt den Gründer unseres Instituts – nicht mehr, und nicht weniger.“ Diese ausgegebene Maxime für den weiteren Abend klang zunächst vielversprechend.

Bei dem Gastredner handelte es sich um den renommierte Zeithistoriker Dr. Eckart Conze. In jüngster Vergangenheit leistete er vor allem große Beiträge zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. Die Auswahl dieses Gastes passte perfekt in den Kontext der großen Eschenburg Debatte. Schließlich war Eckart Conze im Januar diesen Jahres zusätzlich auch Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in Tübingen zum Thema „Gebrochene Biographien in den Sozialwissenschaften“.  Dennoch, und dies betonten alle Redner wiederholt, sollte es an diesem Abend nicht um eine erneute Aufbereitung von Theodor Eschenburgs Biographie und seiner NS-Vergangenheit gehen.

„Das unausgesprochene Hauptthema des Vortrags war eben dieser Theodor Eschenburg“

Stattdessen sollte es um die NS-Belastung von politischen Institutionen und deren Entwicklungen nach 1945 gehen, wie eingangs bereits erwähnt. Mißt man nun Conze an seiner eigenen Zielsetzung für diesen Vortrag, muss man enttäuscht feststellen: Auch wenn nur zu Beginn seines Vortrags der Name Eschenburg fiel, so hatte man doch das Gefühl das unausgesprochene Hauptthema des Vortrags war eben dieser Theodor Eschenburg, um den es doch gar nicht gehen sollte. Trotzdem warf  Conze auch einige interessante Fragen auf: Wie vollzog sich der Mentalitätswandel innerhalb vieler deutscher Institutionen nach ’45, obwohl es auf der Personalebene eine starke Kontinuität gab? Wer steuerte die Rekrutierung, durch welche die personelle Kontinuität erst möglich wurde? Gibt es einen allgemeinen Konsens innerhalb der deutschen Gesellschaft, was eine „NS-Belastung“ ausmacht? Kann es so einen überhaupt geben?

Wer steuerte die Rekrutierung, durch welche die personelle Kontinuität erst möglich wurde?

Zusätzlich skizzierte Conze ein interessantes Bild des demokratischen und liberalen Wandels verschiedener Institutionen nach 1945. Er sprach von konstruierten Geschichtsbildern, die bestimmte Institutionen innerhalb Deutschlands rehabilitieren sollten, beispielsweise der „unpolitischen Kriminalpolizei“, der „sauberen Wehrmacht“ oder den „ 2 Ämtern“. Einer der wichtigsten Aspekte in dieser Zeit war demnach das Primat der Stabilität der noch jungen BRD unter Adenauer. Conze betonte auch den verblüffenden Umstand, dass trotz einer starken personellen Kontinuität keine Informationen vorliegen, nach denen sich in deutschen Institutionen nach ’45 breite anti-demokratische Bewegungen entwickelt hätten.

Obwohl Herr Conze sicherlich einen inhaltlich wertvollen Vortrag gegeben hat, so war der lange Schatten Theodor Eschenburgs immer noch spürbar.

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