Studierende an deutschen Universitäten geben sich gerne betont vielfältig, anti-elitär und divers. Der „bunte Mix“ gehört zum Zeitgeist und wird nicht nur im Hörsaal, sondern auch in den sozialen Medien gerne demonstriert. Schließlich ist unsere Gesellschaft doch immer gemischter, durchlässiger und liberaler geworden – würde man meinen. Tatsächlich ist die Studierendenschaft an deutschen Hochschulen in einem Punkt erstaunlich homogen: Die weit überwiegende Mehrheit stammt aus Akademikerhaushalten.


Das sind Haushalte, in denen mindestens ein Elternteil einen Universitätsabschluss erlangt hat. Nach einem SPIEGEL-Artikel vom Mai 2018, welcher sich auf Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) beruft, gehen 79 von 100 Akademikerkindern nach dem Schulabschluss studieren – bei den Arbeiterkindern, also Kinder aus Haushalten, in denen kein Elternteil studiert hat, sind es hingegen nur 21 von 100. Tatsächlich sind auch Kinder von Büroangestellten und Handwerkern Arbeiterkinder, wenn die Eltern nicht studiert haben. Um ihnen beiseite zu stehen und diese falsche Vorstellungen – ebenso wie die durchaus realen Benachteiligungen – aufzuzeigen, gibt es die Initiative Arbeiterkind.
Bundesweit ist die Initiative mit 6000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 75 Standorten vertreten, darunter auch an der Universität Tübingen. Zwei dieser Mitarbeiter sind Christopher, ein Doktorand in Geschichte, und Kira, die gerade in Kriminologie promoviert. Für sie ist der Begriff „Arbeiterkind“ zu Unrecht negativ konnotiert: Arbeiterkind, das sei ein positiver, affirmativer und empathischer Begriff, der auch ein Bewusstsein für die eigene Herkunft ausdrücke. Niemand müsse sich dafür schämen, ein Arbeiterkind zu sein. Die Initiative steht Studierenden beispielsweise bei finanziellen Fragen zur Seite. Viele Studierende, aber auch und vor allem Dozierende, die selber meist nicht aus Arbeiterhaushalten stammen, haben nämlich kein Bewusstsein für die institutionalisierten finanziellen Schranken, die das Studium Arbeiterkindern, welche statistisch gesehen weniger finanziellen Rückhalt haben, entgegenstellt. Anja, die ebenfalls bei der Initiative aktiv ist und soeben ihr Studium der evangelischen Theologie und Latein auf Lehramt erfolgreich beendet hat, hat solche Erfahrungen gemacht: In ihrem Studium wurden Studierende verpflichtend Exkursionen zugeteilt, diese kosteten zwischen 200€ und 1000€. Was für viele aus Akademikerhaushalten eine zu stemmende Ausgabe ist, reißt hingegen vielen Arbeiterkindern ein gehöriges Loch in die Kasse.
 

Wissenschaft – Zutritt für Arbeiterkinder verboten?

Auch Tobias, der in Soziologie promoviert und seit der Gründung der Tübinger Gruppe 2010 dabei ist, kennt das Problem. Sehr vielen Dozentinnen und Dozenten mangelt es an Bewusstsein dafür, dass nicht alle die finanziellen Mittel für ihre Vorgaben haben. 99% aller Doktoranden sind nämlich Akademikerkinder; dementsprechend findet sich erst recht unter Dozierenden kaum ein Arbeiterkind. Kira gibt ein weiteres Beispiel: Während ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen in den Ferien Praktika antreten konnten, musste sie am Supermarkt an der Kasse arbeiten, um über die Runden zu kommen. Auch ein Auslandssemester gestaltet sich oft schwierig: Dieses verlängert oft das Studium um ein Semester; das wiederum kann zu Konflikten mit dem Bafög-Amt führen, was dann wiederum zu finanziellen Engpässen führt.
Aber auch abseits des Finanziellen spricht Arbeiterkind Probleme an, für die wenig Bewusstsein besteht. So sind es oft kleine Dinge, die Arbeiterkindern das Studium erheblich erschweren. Allen voran die Einstellung vieler Dozierenden: Die Runde ist einer Meinung, dass viele von diesen in einem „Elfenbeinturm“ lebten. Kira beispielsweise wurde von einem Professor gesagt, sie müsse ihr Auftreten und Ausdrucksweise verändern, wenn sie in der Wissenschaftscommunity Zugang finden wolle. Sprich: Sie solle auf keinen Fall zeigen, dass sie nicht aus einer Akademikerfamilie komme. Kira jedoch sieht das anders: „Ich bin froh, einen Blick von außen auf den Elfenbeinturm zu haben“. Schließlich habe man eine andere Perspektive. Tobias meint: „Die andere Perspektive macht einen auch resilienter gegenüber Niederlagen“. Und diese Resilienz braucht man als Arbeiterkind auch, denn neben abgehobenen Professorinnen und Professoren und verständnislosen Kommilitoninnen und Kommilitonen gibt es da einen weiteren wichtigen Faktor: Die eigenen Eltern.
Für viele Arbeiterhaushalte stellt das Studium der eigenen Kinder nämlich eine starke finanzielle Belastung dar. Deshalb versuchen viele, ihre Kinder zu einer Ausbildung zu bewegen oder aber sie in vermeintlich „sichere“ Laufbahnen zu lenken. So bei Anja: „Meine Eltern haben mir gesagt „Werd Beamtin, da hast du was G’scheits!“.“ Ihre Eltern sind Bürokaufleute. Während Akademikerkinder oft Unterstützung durch die Eltern in Planung und Durchführung des Studiums erhalten, oft auch über deren Kontakte (beispielsweise zur Beschaffung eines Praktikumsplatzes), fehlen Arbeiterkindern diese Informationsnetzwerke. Tobias meint dazu: „Akademikerkinder erhalten Informationsnetzwerke, die nicht-Arbeiterkinder gar nicht erst kriegen.“ Unter anderem um dieses Informationsdefizit auszugleichen, gibt es Arbeiterkind.

Was Arbeiterkind bietet

Neben all diesen Hilfestellungen zu finanziellen, familiären oder studienbedingten Problemen bietet Arbeiterkind allerdings auch einfach eine gemütliche Runde zum Austausch mit anderen Studierenden aus ähnlicher Herkunft über ganz alltägliche Dinge. Auch bietet die Gruppe Informationsveranstaltungen in Schulen an, um auf die Lage von Arbeiterkindern aufmerksam zu machen und auch ganz konkret daran etwas zu ändern. Deshalb sind Informationsveranstaltungen und Vorträge in Schulen essentielle Aktivitäten der Gruppe, um für Arbeiterkinder als Ansprechpartner sichtbar zu bleiben. Auch gibt es ein umfassendes Mentoring-Angebot und damit konkrete Hilfestellungen für bereits Studierende. Jeder und jede Interessierte kann sich bei der Initiative ehrenamtlich engagieren und so zu einem guten Zweck beitragen.
Zu guter Letzt gibt es dann noch ein großes und etabliertes Online-Netzwerk, was die verschiedenen Arbeiterkind-Standorte verbindet und den Kontakt mit vielen Gleichgesinnten ermöglicht. Schließlich ist das erklärte Ziel von Arbeiterkind eigentlich folgendes: Dass alle Studierenden ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer finanziellen Lage durch eigenen Fleiß den Abschluss erreichen können, den sie wollen und dass sich niemand schämen braucht, ein Arbeiterkind zu sein. Im Gegenteil, „Arbeiterkind“ soll eine Eigenbezeichnung sein, die man mit stolz tragen kann. Oder um es mit Anjas Worten zu sagen: „Mich unterscheidet irgendwie etwas. Aber das macht mich auch aus und das ist auch gut so.“
Interesse geweckt? Arbeiterkind trifft sich an jedem 1. Montag jeden Monats um 18:00 im Bierkeller… Alle Interessierte, egal ob aus Akademikerhaushalten oder Arbeiterhaushalten, sind herzlich eingeladen vorbei zu kommen!
Fotos: Marko Knab

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