„GIBT ES EIN RICHTIGES LEBEN IM FALSCHEN?“

Ein Gespräch mit Professor Dr. Jürgen Wertheimer über die Studenten von heute

Auch ein Tübinger Professor hat an der Studie von Professor Wolf teilgenommen. Kupferblau sprach mit Professor Jürgen Wertheimer, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Literaturen / Neuere Deutsche Literatur, über die Tübinger Studierenden, ihre Studierfähigkeit und Anforderungen im heutigen Unialltag.

 
kupferblau: Zu Beginn, Professor Wertheimer, wie sieht für Sie der „perfekte“ Student aus?
Professor Jürgen Wertheimer:
Hier mit dem Begriff der Perfektion zu arbeiten halte ich für schwierig. Ich halte es jedenfalls für die am wenigsten wichtige Ebene, immer nur auf die Orthografie und die Interpunktion zu schauen, wie das oft der Fall ist, denn das ist ein formales und nur scheinbar überzeugendes Kriterium. Wichtiger wäre mir, wie Studenten mit der Sprache umgehen, also wie und ob sie nach Bedeutungen fragen oder ob sie wirklich nur mehr an der Oberfläche der Inhalte entlang lesen. Und da ist vielleicht tatsächlich eine Tendenz hin zu Letzterem   – eventuell auch aufgrund der Einflüsse des Internets, das ich überhaupt nicht verteufle – zu beobachten.
Das Internet könnte an der Entwicklung von Sprachdefiziten beteiligt sein?
Es sind nicht primär Sprachdefizite, die das Internet hervorruft. Es kommt im Netz darauf an, die klügste Suchmaschine zu haben und die klügste Suchmaschine ist der Kopf. Je mehr Informationen man hat, desto mehr muss man fähig sein, Selektionen zu treffen und nach Bedeutungen zu fragen, denn die liefert das Internet nicht.
Texte lesen, verstehen und verarbeiten – das ist also die zentrale Anforderung, die manchmal unerfüllt bleibt?
Verstehen und auch auf Hintergründe, auf Zwischentöne, auf Nichtgesagtes, auf Angedeutetes, auf das Wie achten. Wenn in einer Staatsexamensklausur zwei Drittel des Textes Paraphrase des Inhalts sind, ist das kein gutes Zeichen. Ich möchte damit nicht sagen, dass das früher nicht so gewesen wäre.
Vergleichen Sie einen Studienanfänger heute und vor zehn Jahren. Wo liegen die gravierenden Unterschiede?
Die Studenten haben immer weniger Zeit. Das ist ein objektiver Faktor, nicht mein persönlicher Eindruck. Man hat uns früher empfohlen zwei Seminare zu machen, vergleichen Sie das jetzt mal mit Ihrem Stundenplan.
Ein seit der Schulzeit durchmodularisierter, durchbachelorisierter Student kennt nur mehr ein einziges System. Das ist eine Generation, die gelernt hat, schnell, effizient, punktuell und sehr selektiv mit Blick auf das was man braucht zu arbeiten. Mit allen Vor- und Nachteilen: Ein Studierender, mitten im Geflecht der Bacheloranforderungen, fragte mich beispielsweise einmal: „Kann ich diese Vorlesung auch aus Interesse besuchen?“. Dass so eine Frage zustande kommt, sagt alles.
Und wenn ich in diesem System jede Kleinigkeit mit einer Abschlussklausur versehen muss, auch eine Vorlesung, dann kann das fatale Folgen haben. Keiner kann 300 Vorlesungsklausuren korrigieren, also macht man „multiple choice“. Wenn man „multiple choice“ in Geisteswissenschaften anwendet, ist es, wie wenn man Nichts macht – schlimmer, weil eine Scheinsicherheit hergestellt wird, die nichts mehr mit Reflexion, nicht mal mit fundiertem Wissen, sondern aber eher mit dem Zufallsprinzip zu tun hat.
Haben Sie ein tendenziell schlechtes Bild vom Studenten von heute?
Nein, das habe ich gar nicht. Wenn man sich von Formaten und Strukturen nicht einengen lässt und sich die Zeit nimmt, in ein Thema einzudringen, ist kein Unterschied festzustellen. Im Gegenteil, vielleicht sogar eine größere Fixigkeit der Studenten oder eine stärkere Realitätsbezogenheit der Art und Weise des Vorgehens. Und dann natürlich eine starke Kompetenz in Erfahrungen mit anderen Kulturen und Lebenswelten.
Finden Sie, dass von den Studenten heute viel erwartet wird? Vor allem auch neben dem Studium?
Also ich habe den Eindruck, dass es viel ist. Ich kann das natürlich nur von der Seite des Zuschauers her beurteilen. Zehnstundentage scheinen keine Seltenheit zu sein und ich glaube nicht, dass fünf Seminare hintereinander in einem Kopf gleichzeitig Platz haben.
Aber ist es dann nicht logisch, dass man Abstriche machen muss?
Ja, natürlich, und im Grunde muss sich dieses System mit seinen Anforderungen von sich selbst wieder emanzipieren. Das Bachelorsystem abzuschaffen ist nicht möglich, aber man kann das Intelligenteste daraus machen und daran arbeitet man jetzt. Aber die Frage ist, gibt es ein richtiges Leben im falschen? Gibt es ein richtiges Studieren in einer falsch angelegten Grundkonzeption? Und die ist nicht ganz so einfach zu beantworteten.
In der Studie ist auch von großen Lücken im Allgemeinwissen die Rede. Einige Studenten sollen den Zweiten Weltkrieg für ein Ereignis des 19. Jahrhunderts halten. Haben Sie auch derartige Erfahrungen gemacht?
Das mag es in Einzelfällen geben, gab es vielleicht aber immer schon. Aber wer hätte sich vor 20 Jahren die Mühe gemacht, immer wieder solche Befragungen vorzunehmen um das herauszufinden? Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass da eine Asymmetrie der Wissenskulturen entstanden ist. Ich muss mir während einer Vorlesung  immer wieder klarmachen – das ist eine richtige Anstrengung – dass Ihre Generation noch nicht mal die Wende aktiv mitgemacht hat. Etwas, das für meine Generation jetzt schon die Nahvergangenheit ist. Geschweige denn fernerliegende Ereignisse. Wenn man das vergisst, führt das vermutlich zu Fehlurteilen. Ich bin sicher, dass Sie umgekehrt Kompetenz in anderen Wissensbereichen haben, die mir verborgen sind.
Es gibt also auch Dinge, die Studenten von heute besser können als früher?
Also eines können sie sicher besser: Präsentation. Die Oberflächen werden immer perfekter und das hat eine nicht ungefährliche Nebenwirkung. Es kann eine „Scheinperfektionalität“ entstehen, die vom Inhalt nicht mehr gedeckt wird – das „Guttenberg-Syndrom“. Vielleicht beherrschen sie auch Zeitmanagement besser, obwohl ich nicht weiß, wie viele verborgene Tragödien oder Zusammenbrüche sich abspielen. Das kriegt man ja alles nicht mit. Wenn einer scheitert, ist er weg.
Könnten Professoren auf die veränderten Fähigkeiten der Studenten mehr eingehen, sie vielleicht mehr nutzen?
Sie denken vielleicht an die Medien-Kompetenz oder den Umgang mit dem Netz? Das mag wichtig sein, wichtiger wäre mir, die Flexibilität und frühe Expertise der Studenten im Umgang mit anderen Kulturen zu nutzen. Und zudem ihre Multitasking-Qualitäten so einzusetzen, dass komplexen Wirklichkeiten mit entsprechend komplexen Wahrnehmungssensoren begegnet wird.
Wenn man die Aussagen der Professoren in der Studie von Professor Wolf hört, wundert man sich vor allem deshalb, weil doch gerade hier in Tübingen ständig über Elite gesprochen wird. Wie kann es sein, dass gleichzeitig den Studierenden in Befragungen von Professoren solche miserablen Leistungen unterstellt werden?
Nun, so „miserabel“ sind Sie nun wirklich nicht. Und bezüglich der Gründe für diese Diskrepanzen zwischen Elite einerseits und Aussagen über die Studenten andererseits würde ich sagen, dass die intellektuellen Exzellenzbemühungen natürlich primär der Forschung und weniger der Lehre gelten.
Aber ist das nicht eine sehr gefährliche Entwicklung, wenn man diese Trennung von Lehre und Forschung auch noch prämiert?
Ja, das könnte eine gefährliche Entwicklung sein, denn das würde ein zentrales Element der deutschen Universitäten – den Zusammenhalt von Forschung und Lehre – auflösen. Ich denke aber, man hat diese Gefahr zum Teil schon erkannt und versucht ihr mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen. Man verleiht ja schließlich andererseits auch Lehrpreise und manchmal fällt beides zusammen.
Den Studierenden wird vorgeworfen, sich nicht mehr richtig ausdrücken zu können. Bei manchen wissenschaftlichen Publikationen gewinnt man dagegen leicht den Eindruck, dass die komplizierte Ausdrucksweise zum Selbstzweck wird. Sehen Sie nicht in beidem ein Problem?
Diese Entwicklung hat wahrscheinlich mit einem gewissen Zwang zur Standardisierung zu tun. Es gibt da einen gewissen Kanon von Begriffen, von Theorien, von Sprechweisen, von Ausdrucksformen, die einfach „sein müssen“. Sie können am Ende eine Promotion von der anderen nicht mehr unterscheiden. Das heißt, zu Originalität wird nicht ermutigt, sondern sie wird als Defizit betrachtet und das wäre vielleicht so ein Punkt, an dem man arbeiten muss: Die Ermutigung zur Eigenwilligkeit, zur wissenschaftlichen Renitenz, sie nicht als Dilettantismus zu diffamieren, sondern als Qualität zu sehen.
Zum Schluss, Professor Wertheimer, bitten wir Sie um eine Prognose. Wie sehen Sie die Zukunft?
Trotz allem tendenziellen Optimismus, sehe ich die Schreib- und Schriftkultur zugunsten des Umgangs mit virtuellen Medien bedroht. Powerpointartiger Reduktionismus führt in eine Sackgasse. Die Suche nach Prägnanz darf nicht zur mentalen Verkümmerung führen.
Das Interview führte Henrike Junge.

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