Das rettende Serum

2014 bis 2016 wurde Westafrika von einer verheerenden Epidemie mit rund 11 000 Toten erschüttert. Auslöser des Elends war das Ebola-Virus, das die gesamte Weltbevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Nun wurde ein zuverlässiger Impfstoff gegen den Erreger gefunden. Prof. Dr. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin der Universität Tübingen, war als Leiter der Studien vor Ort und berichtet über den aktuellen Forschungsstand.

Kupferblau: Sie haben die klinischen Studien für den Ebola-Impfstoff mit betreut. Sind bei den Probanden Nebenwirkungen aufgetreten?

Kremsner: Wir haben diese Studie mit genetisch veränderten VSV-Viren, „Vesicular Stomatitis Virus“ gemacht, die aber abgeschwächt waren und das Ebolaglycoprotein enthielten. VSV selbst erzeugt beim Menschen praktisch keine Krankheit. Deswegen haben wir auch sehr wenige Nebenwirkungen gesehen. In Gabun, wo wir die Studie durchgeführt haben, zuerst bei Erwachsenen und danach auch bei Kindern, haben wir dann in etwa 30 bis 35 Prozent unerwünschte Wirkungen gesehen. Es gab zum Beispiel Fieber bis hin zu leichten Hauterscheinungen.

Kupferblau: Weshalb ging die Entwicklung des Ebola-Impfstoffs verhältnismäßig schnell, während es für andere Infektionskrankheiten wie Malaria noch keinen Impfstoff gibt?

Kremsner: Ebola wurde als eine große Bedrohung für die Menschen erkannt. Deswegen gab es konzentrierte Anstrengungen, vor allem von der WHO, möglichst schnell einen Impfstoff zu entwickeln. Ohne Geld gibt es keine Forschung. In dem Fall war es so, dass mit die größten Geldgeber der Welt, darunter das National Institutes of Health in Amerika und auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung  in Deutschland, sich sehr großzügig gezeigt haben. So gab es dann sehr rasch zwei Impfstoffe, die für die schnelle klinische Entwicklung ausgewählt wurden.

Kupferblau: Wie sicher ist der Impfstoff, das heißt, kann man eine absolute Immunität bei Geimpften erzielen?

Kremsner: Mit dem Impfstoff kann man sehr gut Antikörper induzieren, die nach zwei Wochen gut nachweisbar sind. Der Impfstoff ist gut verträglich. Wir können aber nur wenig zur eigentlichen Wirksamkeit gegen Ebola sagen. Es gibt eine erste Studie im Ausbruchsgebiet Guinea. Dort hatte der Impfstoff eine  hundertprozentige Schutzwirkung. Allerdings waren nur 16 Fälle beteiligt – aber immerhin ist das ein guter Hinweis auf die Wirksamkeit.

Kupferblau: Ist es möglich, dass sich eine ähnliche Epidemie wie kürzlich in Westafrika wiederholt?

Kremsner: Es ist möglich, aber schwer zu sagen. Man kann nur spekulieren. Wir haben bisher 21 Ausbrüche gehabt. Der in Westafrika war der mit Abstand größte mit mehr als 11.000 Toten. Man kann nicht ausschließen, dass Ebola morgen schon wiederkommt.

Kupferblau: Könnte man das Virus präventiv ausrotten, in dem man die gesamte Bevölkerung impft?

Kremsner: Das ginge grundsätzlich, aber ich halte es für abwegig, alle Bewohner eines möglichen Epidemie-Gebiets präventiv zu impfen. Das wären wahrscheinlich mehrere 100 Millionen Menschen – halb oder ganz Afrika. Und das wäre letztlich zu teuer.

Kupferblau: Sie selbst waren bei der Erprobung in Gabun vor Ort. Wie haben die Menschen auf die Hilfsmaßnahme reagiert?

Kremsner: Die klinische Studie wurde sehr gut aufgenommen. Es gab schon vorher mehrere Ausbrüche, die in Gabun stattgefunden haben. Insofern hat die Bevölkerung von Ebola gewusst und war eigentlich sehr froh, dass es jetzt eine Möglichkeit gibt, diese schreckliche Erkrankung zu bekämpfen. Und grundsätzlich ist es so, dass wir schon sehr viele Impfstudien in Lambaréné gemacht haben . Die Menschen sind insofern an die klinische Studienkultur gewöhnt.

Kupferblau: Wie sieht die aktuelle Lage in Westafrika aus? Haben sich die Bevölkerung und die Gesundheitssysteme von der Epidemie erholt?

Kremsner: Offiziell ist der Ausbruch beendet. Aber es schwelt weiterhin und deshalb muss man damit rechnen, dass es – auch wenn nur sporadisch – weiterhin Fälle gibt. Insgesamt hat sich die Lage natürlich stabilisiert. Es gibt noch sehr viel zu tun in den drei hauptsächlich betroffenen Ländern Sierra Leone, Guinea und Liberia, die gerade in ökonomischer Hinsicht schwach sind.

Kupferblau: Wie werden die Phase-II und III-Studien aussehen und wann kann man mit einer Zulassung des Impfstoffs rechnen?

Kremsner: Die Phase-II- und III-Studien laufen schon. Bei fortführenden Studien sind wir auch dabei, vor allem bei Kindern den Impfstoff zu testen. Wir wollen in diesem Jahr noch die Zulassung beantragen. Und wenn es halbwegs normal läuft, dann sollte man nächstes Jahr eine Zulassung haben. In jedem Fall kann man den Impfstoff schon jetzt, so wie er ist, beim nächsten Ebolaausbruch einsetzen.

Kupferblau: Vielen Dank für das Gespräch.

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